Beauftragte der Stadt forscht, bewahrt Wissen und pflegt Kontakte

Seit Juni 2021 hat die Stadt Fulda hat eine Beauftragte für jüdisches Leben in Fulda: Die Pädagogin Anja Listmann beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren mit diesem Thema und ist in Teilzeit für die Stadt Fulda tätig.

Ihr Aufgabenbereich umfasst die Erforschung und Bewahrung der jüdischen Kultur in Fulda vom Mittelalter bis heute sowie die Kontaktpflege mit den Nachfahren jüdischer Familien aus Fulda. Zudem engagiert sie sich in der thematischen Projektarbeit mit Jugendlichen und hat dazu eine eigene Website aufgebaut. 

Jüdisches Leben in Fulda: Forschung über die schlimmen und die guten Zeiten

Jüdische Gemeinde hat die Geschichte der Stadt Fulda mitgeprägt

 

Wenn Anja Listmann die Tür zum Haus „Am Stockhaus 2“ öffnet, streicht sie fast andächtig über das Holz. „Hier ist so viel Geschichte,“ sagt sie. Tatsächlich war die kleine Straße, die parallel zur Markstraße verläuft, seit dem Mittelalter ein Zentrum für die jüdische Gemeinde in Fulda: Erstmalig erwähnt wurde sie unter dem Namen „Judengasse“ im Jahr 1367. Im Erdgeschoss des Hauses befindet sich die erst vor kurzem freigelegte Mikwe (rituelles Bad), erstmalig erwähnt 1708. Mit dem Leben der Juden in Fulda beschäftigt sich Anja Listmann seit Juni offiziell als Beauftragte der Stadt. Ehrenamtlich hat sie sich schon viel länger für das Thema interessiert: Schon während ihrer Schulzeit, dann als Studentin und als Geschichtslehrerin forschte sie über das Leben der Juden in Stadt und Landkreis Fulda. Seit Ende der 90er Jahre kam es auch zum Kontakt mit Nachfahren jüdischer Familien aus der Region, die heute in aller Welt verteilt leben und nur sehr wenig über das Leben ihrer Vorfahren hier wissen. Diesen Austausch schätzt Anja Listmann sehr: „Für mich ist es ein Urantrieb, über Dinge zu forschen, von denen ich weiß, dass andere ein großes Interesse daran haben, aber selber nicht weiterkommen. Solche Projekte bereichern immer gegenseitig und geben Einblicke aus verschieden Blickwinkeln.“

 

Dass Anja Listmann ihre Forschungen nun auch im Auftrag der Stadt Fulda betreibt, kommt nicht von ungefähr: „Die Geschichte der Juden in Fulda reicht mindestens bis ins 12. Jahrhundert zurück. Die jüdische Gemeinde hat die Geschichte unserer Stadt wesentlich mitgeprägt und verdient es daher, erforscht und für alle zugänglich gemacht zu werden“, betont Kulturamtsleiter Dr. Thomas Heiler, der eng mit Anja Listmann zusammenarbeitet. Besonders bewusst geworden sei ihm dies bei den Vorbereitungen für das Stadtjubiläum 2019, so Heiler und betont, dass es nicht nur um die Zeit des Holocaust gehe: „Wir erforschen die jüdische Geschichte in Fulda mit ihren schlimmen, aber auch guten Phasen.“

 

Da gab es die schrecklichen Ereignisse in der Nacht vom neunten auf den zehnten November 1938, die „Reichsprogromnacht“, in der die Synagoge „Am Stockhaus“ ausbrannte sowie Bücher und Dokumente der dortigen jüdischen Bibliotheken vernichtet wurden. Der größte Teil der jüdischen Bevölkerung Fuldas wurde in den darauffolgenden Jahren deportiert, viele von ihnen starben in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. Aber es gab auch eine ganz andere Zeit, in der die Straße „Am Stockhaus“ mit der Synagoge und Schulen für Jungen und Mädchen der Bildungsmittelpunkt für die jüdische Gemeinde in Fulda war. Einige wichtige Unternehmerpersönlichkeiten aus der Stadt Fulda wie etwa Isfried und Hermann Jacobsohn oder Max und Emanuel Stern hatten jüdische Wurzeln, es gab aber auch ein jüdisches Prekariat mit Familien, die in Armut lebten. „Es ist spannend, das Auf und Ab im Leben der jüdischen Gemeinde anhand der Unterlagen nachzuvollziehen. Sie war ja kein homogenes Gebilde, sondern bestand aus Einzelpersönlichkeiten, die auch nicht immer die gleiche Meinung vertraten“, erzählt Anja Listmann. „Wir wollen das reichhaltige jüdische Leben in Fulda, das für viele noch zu unbekannt ist, sichtbar machen“, ergänzt Heiler.

 

 

Stadt hat wichtige Dokumente digitalisieren lassen

 

Eine wichtige Grundlage für diese Forschungen bilden die Bestände der „Central Archives for the History of Jewish People“ in Jerusalem, in denen umfangreiche Unterlagen aus deutschen Archiven aufbewahrt werden. Hier stehen 120 Akten mit rund 6500 Seiten über die Juden in Fulda und der Rhön, die die Stadt Fulda nun hat digitalisieren lassen. Der größte Teil der Unterlagen stammt aus der 2. Hälfte des 18. und aus dem 19. Jahrhundert, nur wenige aus dem 20. Jahrhundert. Viele sind handschriftlich in alter deutscher Schrift verfasst, teils in hebräischer Sprache und teils in Jiddisch. Dazu kommt noch eine sehr fremde Ausdrucksweise, so dass die Texte für moderne Leser kaum verständlich sind. „Die Dokumente müssen transkribiert werden, um sie für Interessierte zugänglich machen. Dabei war es uns wichtig, mit einer spezialisierten Forschungseinrichtung zusammenzuarbeiten, um bestmögliche Ergebnisse zu erzielen“, so der Kulturamtsleiter. Daher hat die Stadt Fulda einen Vertrag mit Dr. Stephan Wendehorst, Historiker an der Universität Wien, geschlossen. Im Rahmen eines am dortigen Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte angesiedelten Forschungsprojekts „Juden im Heiligen Römischen Reich“ werden nun zentrale Passagen der Dokumente transkribiert sowie Inhaltsanalysen angefertigt. Man wolle die Umschriften in absehbarer Zeit interessierten Nutzerinnen und Nutzern des städtischen Archivs zur Verfügung stellen, sagt Heiler.

 

Überhaupt ist ein großes Ziel der beiden Historiker, das jüdische Leben in Fulda möglichst vielen Menschen – Bürgerinnen und Bürgern ebenso wie Gästen – besser zugänglich zu machen. In Vorbereitung ist ein gemeinsames Buch in deutscher und englischer Sprache, das voraussichtlich im kommenden Jahr erscheinen soll. „Wir wollen darin - von Plattitüden und Vorurteilen befreit - die Geschichte der Juden aufbereiten und verständlich machen und zeigen was es bedeutet, Jude zu sein“, so Listmann. Ergänzend sollen Flyer mit den wichtigsten Informationen über die Touristen Information erhältlich sein und Gäste aber auch Einheimische dazu anregen, die Straße „Im Stockhaus“ zu besuchen und mit offenen Augen und Ohren durch diese historische Gasse zu gehen. (Laurin Heil/Monika Kowoll-Ferger)