Am kommenden Sonntag ist die Ausgrabungsstätte bei Großenlüder-Müs von 10:00 bis 17:00 Uhr für Besucher geöffnet. Die Ausgrabungen, in deren Mittelpunkt die Untersuchung eines Eisenschmelzplatzes des 15./16. Jahrhunderts steht, geben einen Einblick in die frühe Industriegeschichte Osthessens. Neben der Schlackenhalde und dem Umfeld des Schmelzofens können auch zahlreiche Fundstücke besichtigt werden. Dazu zählen Gefäßreste, Erze, Schlacken- und Luppenstücke, die einen Eindruck von der Technik der Erzschmelze und dem Leben der Hüttenleute vermitteln. Den ganzen Tag über stehen den Besuchern Archäologen für Fragen und Erläuterungen zur Verfügung. Um 10:30, 13:00 und 15:30 Uhr finden Führungen statt, bei denen Hohlwegen, Bergbauspuren und Meilerplätzen in der Umgebung aufgesucht werden.
Für Verpflegung wird gesorgt. Bratwürstchen, Kuchen und Getränke können an der Ausgrabung erworben werden. Mit dem Erlös wird die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer unterstützt.

Die Ausgrabungsstätte liegt im Tal der Altefeld. Etwa 200 m hinter dem Ortsausgang von Müs in Richtung Stockhausen führt bei einem kleinen Wasserhäuschen ein schmaler asphaltierter Weg rechts von der Hauptstraße in das Tal der Altefeld hinab. Zunächst muss eine Brücke passiert werden, bevor nach etwa 200 m ein Feldweg nach links in den Wiesengrund abbiegt. Dieser führt direkt zu Ausgrabungsstätte.

Bei Recherchen zur Ortschronik von Großenlüder-Müs fanden sich Hinweise auf einen Eisenhammer im Tal des Flusses Altefeld. Nach intensiver Prospektion, Glück und mit Hilfe einer wühlenden Rotte von Wildschweinen, konnte ein Schlackenplatz aufgefunden werden, der mit dem erwähnten Hammerwerk in Verbindung stehen könnte.

Der Schlackenplatz liegt unmittelbar neben der Altefeld und wurde durch diese bereits teilweise abgetragen. Andere Teile sind durch Schwemmland überlagert, so dass seine genaue Ausdehnung obertägig nicht feststellbar ist. Die Lage des Platzes im Tal der Altefeld macht die Nutzung der Wasserkraft zum Betrieb der Anlage wahrscheinlich. Eine erste vorläufige Datierung, bei der auch die Art der Schlacken berücksichtigt wurde, deutet auf einen Betrieb der Anlage im Hoch- bis Spätmittelalter hin.
Da die Stelle durch Erosion stark gefährdet ist, ist eine wissenschaftliche Untersuchung des Platzes als wichtiger Bestandteil der Regionalgeschichte, besonders der Technikgeschichte, wünschenswert.

Der entdeckte Schlackenplatz steht in Verbindung mit anderen Fundplätzen des näheren Umfeldes, wozu besonders die Standorte ehemaliger Kohlenmeiler gehören, die zur Brennstoffgewinnung unerlässlich waren. Außerdem konnten Hinweise auf lokale Erzvorkommen gewonnen werden. Somit ist hier auf engem Raum ein guter Einblick in die frühe Industrialisierung der Region möglich.

Bisher fanden kleinere Prospektionen im Umfeld des Schlackenplatzes statt, die zur Entdeckung von mehreren Meilerplätzen und Bergbauaktivitäten führten. Zukünftig ist eine Ausdehnung der Prospektionsflächen beabsichtigt. Im März 2010 wurden geomagnetische Messungen im direkten Umfeld des Schlackenplatzes durchgeführt. Dabei konnte die genaue Ausdehnung der Schlackenhalde sowie der wahrscheinliche Standort des Schmelzofens ermittelt werden. Diese Messungen bilden die Grundlage für archäologische Ausgrabungen, die vom 26. Juli bis 17. September 2010 stattfanden.

Bei der Ausgrabung wurde eine Fläche von 400 m² geöffnet, die den vermuteten Ofenstandort und Teile der ca. 2000 m² großen Schlackenhalde erfasste. Mit einer Mächtigkeit von bis zu 1,7 m besaß die Schlackenhalde ein unerwartet großes Volumen, was auf umfangreiche Verhüttungstätigkeiten an dieser Stelle hindeutet. Die in der Halde gefundenen Schlacken belegen ver-schiedene metallurgische Prozesse. Neben der Erzschmelze muss auch das Ausschmieden der Luppe (schlackenhaltiger Eisenklumpen) vor Ort erfolgt sein, worauf u. a. sog. Hammerschlag hinweist. Tatsächlich konnten bei der Ausgrabung sowohl Reste des Schmelzofens und wahrscheinlich auch Teile des Ausheizherdes gefunden werden.

Der Schmelzofen hatte einen Durchmesser von ca. 2 m, was nur mit der Anwendung durch Wasserkraft betriebenen Gebläsen erreicht werden konnte. Leider war nur noch die Ofenbasis erhalten, so dass keine weitergehenden Angaben zu seinem Aussehen und Aufbau gemacht werden können. Eine erste Autopsie der Schlacken deutet jedoch darauf hin, dass es sich bei dem Schmelzofen um einen Stückofen handelt, in dem kohlenstoffarmes, d. h. schmiedbares Eisen hergestellt wurde. An seiner Nordseite war ein kleiner, mit Steinen befestigter Hang, der vielleicht als Unterbau einer Beschickungsbühne diente.

Die Arbeiten im Haldenmaterial und im Bereich des Profilschnittes erbrachten nicht nur Hinweise auf weitere im Boden erhaltene Befunde, sondern auch ein äußerst vielfältiges und aufschlussreiches Fundmaterial. So lieferte der Profilschnitt gute Hinweise auf ein Materiallager, möglicherweise wurde auch ein Stichkanal für die Versorgung einer Wasserkunst angeschnitten, die uns - neben der Errichtung der Anlage im Tal in unmittelbarer Nähe zu einem Fließgewässer - einen Hinweis auf die Art der technischen Anlage liefert.

Auf der Schlackenhalde wurden auch Teile einer Eisenluppe und Pochsteine gefunden, außerdem konnten zahlreiche Keramikreste entdeckt werden. Eine Ofenkachel jüngeren Datums sowie ein Spinnwirtel deuten auf eine Nachnutzung der Schlackenhalde als Müllentsorgungsplatz hin. Außerdem wurde sie durch einen Altarm der Altefeld und beim Abtransport von Teilen der Schlacken Anfang des 19. Jahrhunderts gestört.

Einen besonders interessanten Befund stellt auch ein vollständig erhaltenes Gefäß dar, welches am Grund des Altarms, der die Schlackenhalde durchtrennte, gefunden wurde. Es stand aufrecht im Boden und war mit einer Schicht aus kohliger, mit Schlacken durchsetzter Erde abgedeckt. Die Funktion dieses Gefäßes bleibt unklar, zumal kein Inhalt mehr nachgewiesen werden konnte.

In der näheren Umgebung des Verhüttungsplatzes konnten weitere Funktionsareale erfasst werden, die aufgrund von Keramikfunden in einen zeitlichen Zusammenhang mit diesem gebracht werden können. Möglicherweise handelt es sich dabei u. a. um Wohnplätze der Hüttenleute. Auch einige Fundstücke aus der Schlackenhalde könnten dem Wohnumfeld der Hüttenleute entstammen.

Die Ausgrabungen bei Großenlüder-Müs sind von großer Bedeutung für die Regionalgeschichte, die neue Erkenntnisse zur beginnenden Industrialisierung der Region ermöglichen. Erstmals konnte hiermit in Hessen eine Verhüttungsanlage abseits der großen Erzreviere untersucht werden. Von erheblicher überregionaler Bedeutung kann der Schmelzofen sein. Bisher konnte in Deutschland noch kein Stückofen archäologisch untersucht werden, da es sich bei den bisher ergrabenen Schmelzöfen dieser Epoche jeweils um frühe Hochofentypen handelte. Diese wichtige technische Innovation, die den hochmittelalterlichen Rennofen ablöste, kann somit hier erstmals in Deutschland dokumentiert werden. Zur endgültigen Absicherung und um weitere Erkenntnisse zum Ablauf der Erzschmelze zu gewinnen, sind allerdings weitergehende Materialuntersuchungen an Schlacken, Ofenwand und der Eisenluppe notwendig.

Fortsetzung der Grabung im August 2011

Die archäologischen Untersuchungen im Tal der Altefeld bei Großenlüder-Müs wurden im August 2011 fortgesetzt, um weitere Aufschlüsse über die Struktur des Tals als mittelalterliches Gewerbe- und Besiedlungsgebiet zu erhalten.

Im Mittelpunkt der Untersuchung stand eine bereits bei der geomagnetischen Messung festgestellte ovale Anomalie, etwa 90 m nordwestlich des Schlackenplatzes. Das betreffende Areal befindet sich in leichter Hanglage auf einer Wiese, in deren östlichem Bereich ein Quellaustritt besteht.

Im Laufe der Untersuchung wurde eine Fläche von 64 m² mit angrenzenden Teilflächen geöffnet, in deren Zentrum eine annähernd kreisförmige Steinsetzung aus größeren Basaltsteinen von ca. 3 m Innendurchmesser freigelegt wurde. Innerhalb des Steinkreises, der eine ovale Steinsetzung mit sekundär verbautem Reibstein umschloss, ließ sich eine Lage von verrollten Flusskieseln und stark verziegeltem Boden feststellen. Östlich der Steinsetzung, im abfallenden Teil des Hanges, wurden viele kleine und mittelgroße Steine freigelegt, welche die Anlage wahrscheinlich als künstlich geschaffene Verebnungsfläche gegen das Hanggefälle stabilisierten.

Der Befund kann auf Grund von Vergleichen als Backofen gedeutet werden. Die Steinsetzung und die stark verziegelte Flusskieselschicht bildeten das Fundament der Ofenanlage bzw. die Backfläche. Diese war von einer Lehmkuppel überdeckt, welche abgesehen von zwei Wandungsfragmenten jedoch vergangen war. Die Beschickungsöffnung ist hangabwärts an der Südseite des Ofens zu vermuten. Hier verlief eine dunkle etwa 30 cm mächtige Kulturschicht, die von gebranntem Lehm, Holzkohle- und Aschepartikeln durchsetzt war und sich noch 7 m weit in die Wiese erstreckte. Etwa 3 m südlich des Backofens wurde außerdem eine Steinsetzung freigelegt, bei welcher es sich um die Begrenzung einer vorgelagerten Arbeitsgrube handeln könnte.

Während der Untersuchung wurden zahlreiche Keramikfragmente innerhalb der Grabungsfläche geborgen, von denen die meisten aus der Kulturschicht südlich der Ofenanlage stammen. Es handelt sich vor allem um unverzierte Rand- und Wandscherben von Kugeltöpfen und bauchigen Gefäßen, die für eine Datierung des Platzes in das ausgehende Früh- und Hochmittelalter sprechen. Außerdem wurden das Fragment eines walzenförmigen Webgewichts aus Ton und mehrere Wetzsteinfragmente geborgen sowie einige Schlackenstücke, die eine zeitliche Verbindung des Platzes mit der Eisenverhüttungsanlage im Tal gewährleisten.

Bei dem Anlegen eines Profilschnittes durch den Ofenbefund konnte festgestellt werden, dass sich die Kulturschicht unter der gesamten Anlage hindurch zog, bis sie nördlich des Ofens rasch auslief. Auf Grund dieser Beobachtung und der Tatsache, dass unter dem Backofen weitere Keramikfragmente sowie ein Stück Eisenschlacke geborgen wurden, ist von einer zweiphasigen Nutzung des Platzes auszugehen. Auch die frühere Phase muss wegen der verziegelten Lehmeinschlüsse und Holzkohleflitter in der Kulturschicht von einer Aktivität mit großer Hitzeeinwirkung bestimmt gewesen sein.

Der Fund des Backofens und der Hinweis auf die zweiphasige Nutzung des Areals in Verbindung mit der Eisenverhüttung erweitern unsere Kenntnis über die intensive Nutzung des Tals als Standort von mittelalterlichem Gewerbe und Besiedlung. Außerdem könnte eine höher gelegene Verebnungsfläche nördlich des Backofens nach dem Ergebnis der geomagnetischen Prospektion von 2010 als Areal für die Errichtung von Wohnbauten gedient haben.

Fotogalerie

Dr. Frank Verse und Gerhard Hillenbrand bei der Betrachtung eines Bohrkerns
Ausschnitt der geomagnetischen Meßfläche mit Schlackenplatz und Schmelzofen (1) sowie Backofen (2)
Meilerplatz oberhalb der Fundstelle bei Müs
Gruppenbild des Archäologischen Arbeitskreises im Wald bei Müs

Bilder von der Ausgrabung 2010

Schmelzofenplatt mit Schlackenkanal (oben-mitte) und Steinsetzung (oben-rechts)
Profil der Schlackenhalde gegenüber dem Schmelzofen
Kohlige Schicht auf Steinlage (Röstbett?)
Reste eines Ausheizherdes
Gefäßdeponierung unter Schlackenklotz
Ofenwandfragment: Das Stück zeigt exemplarisch einen Querschnitt durch die Ofenwand. Links ist die anhaftende Schlacke zu erkennen. Darauf folgt die zunächst rot, dann orange gebrannte Ofenwand.
Eisenluppe
Eisenluppe:Im Anschnitt ist der Eisenanteil deutlich zu erkennen.
Hammerschlag
Flugfunken
Ofenkachel
Auswahl von Tongefäßfunden

Bilder zur Ausgrabung im August 2011

Planum des mittelalterlichen Backofens
Schnitt durch den mittelalterlichen Backofen
Fundauswahl
Rundgang 360
Veranstaltungskalender
von:
Error: Bitte geben Sie ein Datum ein.
bis:

Kontakt

Der Magistrat der Stadt Fulda
Schlossstraße 1
36037 Fulda
Telefon: 0661 102 1111

Kontakt: Bürgerbüro