Orts- und Heimatgeschichte

Das Stadtarchiv Fulda verwahrt bis auf wenige Ausnahmen nur die Überlieferung der Stadt Fulda und der eingemeindeten Orte. Für die Archivierung der außerhalb Fuldas liegenden Gemeinden sind diese selbst zuständig. Das archivwürdige Schriftgut staatlicher Behörden in Stadt und Landkreis Fulda (z.B. Gerichte, Finanzämter) wird im Staatsarchiv in Marburg verwahrt. Dieses ist auch zuständig für die Überlieferung der Fürstabtei bzw. des Fürstbistums Fulda.


Um den im Raum Fulda ansässigen Forschern die Anreise nach Marburg zu ersparen, hat das Stadtarchiv Fulda nahezu den kompletten Marburger Urkunden-, Amtsbuch- und Aktenbestand fuldischer Provenienz vor 1803 als Mikrofiche bzw. Mikrofilm vorrätig (Ausnahme: Rechnungen II-III; Kataster II-III Orte außerhalb Fulda). Für orts- und heimatgeschichtliche Fragestellungen kann somit im Stadtarchiv Fulda auf die einschlägigen Marburger Bestände zurückgegriffen werden.

Florenberg - Historische Entscheidung des Schulverbandes im Jahr 1908

Über Generationen hinweg war das alte Schulhaus auf dem Florenberg bis 1926
Bildungseinrichtung für die umliegenden Orte.

Schicksalhafte Entscheidung des Schulverbandes Florenberg 1908  
 
Ende der alten Florenbergschule besiegelt / von Reinhold Nüchter (2008)


Über Generationen hinweg war der Florenberg mit seiner Pfarrkirche und der alten Schule für die Umlandgemeinden nicht nur kirchlicher sondern auch schulischer und somit kultureller Mittelpunkt für unsere Vorfahren. Bis zum Jahr 1867 gehörten zur Florenberger Schule außer den Ortschaften Engelhelms, Pilgerzell u. Edelzell auch die Dörfer Bronnzell und Kohlhaus; bis 1843 auch die Dörfer Künzell mit Bachrain, Keulos und Dirlos. Steigende Schülerzahlen in aus den Nähten platzenden Räumlichkeiten führten nach u. nach zur schulischen Verselbständigung der Gemeinden, und als Pilgerzell 1889 nach Errichtung einer eigenen Schule aus dem Schulverband Florenberg ausschied blieben nur noch Edelzell und Engelhelms im schulischen Verbund Florenberg.

Am Beginn des 20. Jahrhunderts zeichnete sich jedoch ab, dass auch für die schulpflichtigen Kinder der beiden Gemeinden –die Schülerzahl war 1908 auf 110 gestiegen- der Raumbedarf erweitert werden musste. Zur Entlastung des bis dahin total überforderten Lehrers Damm, der neben seiner Aufgabe als Schulmeister auch noch die Tätigkeit des Küsters und Organisten für die Pfarrei und ab 1897 zeitweise Büroarbeiten für die Darlehenskasse Florenberg übernommen hatte, war bereits erreicht worden, dass eine zweite Lehrkraft  (Maria Gies) eingestellt wurde. Weitere Probleme für den Schulverband waren Renovierung des im schlechten Zustand befindlichen Schulgebäudes mit möglichen Erweiterungs-maßnahmen oder einem evtl. Neubau.

Eine von historischer Bedeutung in der wechselvollen Veränderung des Schulverbandes Florenberg war deshalb die denkwürdige Sitzung des Schulvorstandes zu diesem Themenbereich im Mai 1908, deren Entscheidung im Wortlaut nach der Niederschrift von Lehrer Damm  wiedergegeben wird:
„In der am 27. Mai nachmittags 4 Uhr anberaumten Schulvorstandssitzung zu Engelhelms betreffs Beschlußfassung über Neubau der Schule und Reparierung des alten Schulhauses auf dem Florenberg konnten sich die Engelhelmser und Edelzeller Mitglieder nicht einigen.Trotz der Befürwortung des Herrn Pfarrer  Weber und des Herrn Bürgermeister Birkenbach zu Edelzell wollten die Engelhelmser von einem Neubau auf dem Florenberg nichts wissen und stellten den Antrag auf Trennung des Schulverbandes, der dann auch von der Königlichen Regierung zu Cassel genehmigt wurde.“

Pfarrer Joseph Weber hatte die Pfarrei Florenberg 1895 übernommen; er war u. a.Mitbegründer der Darlehenskasse und machte sich um das katholische Vereinswesen sehr verdient. Mit dem seit 1898 im Amt befindlichen Edelzeller Bürgermeister Magnus Birkenbach war ihm sehr an einem Schulneubau auf dem Florenberg gelegen. Durch das Veto der Engelhelmser wurde seinem Wunsch widersprochen und das Schicksal der alten Florenbergschule war quasi besiegelt
Die Engelhelmser Kinder wurden ab 1. April 1909 bis zur Errichtung  einer eigenen  Schule 1914 in der Gastwirtschaft „Zur kühlen Quelle“von der Lehrerin Gies und die Edelzeller Schüler bis zum Neubau des Schulgebäudes 1926 von Lehrer Damm  weiter auf dem Florenberg unterrichtet.
Die Beschlussfassung vom 27. Mai 1908 war eine weitreichende und auch unsere Zeit berührende Entscheidung mit entsprechenden Auswirkungen  Durch den Widerspruch der Engelhelmser ist nicht nur  ein möglicher Neubau einer Schule auf dem Florenberg verhindert  worden, sondern auch eine unbewusste Weichenstellung für den Bau der 1972 eröffneten neue Florenbergschule in Pilgerzell war aus heutiger Sicht gegeben.

In der unter der Leitung von Gerhard Renner stehenden Florenbergschule mit PC-Vollausstattung mit Vernetzung und eigner Webseite werden heute über 400 Kinder aus Pilgerzell, Engelhelms, Edelzell u. Dirlos von 24 Lehrkräften unterrichtet. Historisches Fazit: Was zusammengehört ist nicht zu trennen; der Schulverband von 1867 (Pilgerzell, Engelhelms u. Edelzell) findet sich unter dem Dach der Florenbergschule wieder.

Von Reinhold Nüchter (auch Verfasser der Schulchronik Edelzell)
Quellennachweis: Archiv Florenbergschule


 

Die Wasserversorgung am Florenberg einst und heute

Von der Windturbine übers Eselsgässchen zum Gruppenwasserwerk -
geschichtlicher Rückblick -  

von Reinhold Nüchter (2010)

Der Florenberg mit seiner altehrwürdigen Pfarrkirche ist in seiner historischen Symbolik als Hausberg für die Bevölkerung der Umlandgemeinden über Generationen hinweg nicht nur zum Wahrzeichen heimatlicher Identität geworden, sondern gibt rückblickend auch einen bedeutsamen historischen Fundus preis.

So waren u. a. das zwischen den Pfarrgärten gelegene „Eselsgässe“ (so der mundartliche Ausdruck) und die am Fuße des Berges in Richtung Fellen errichtete Windturbine hinsichtlich der prekären Wasserversorgung auf dem Florenberg geschichtliche Faktoren, die zu entsprechenden Nachforschungen anregten.

Hierbei wurde deutlich, dass über Jahrhunderte eines der ganz großen Probleme die ständige Wassernot auf dem Florenberg war und es viele Mühen bereitete, den „Lebensquell Trinkwasser“ auf den Berg zu bringen. Die auf einem Lehensgut in Engelhelms ruhende Verpflichtung seit dem  Spätmittelalter, den Pfarrer mit Wasser zu versorgen ging  durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges zwangsweise verloren, da das Gut vermutlich zugrunde gegangen ist und somit niemand mehr da war, der die Verpflichtungen erfüllt hätte. Der Florenberger Pfarrer musste deshalb das Wasser auf seine Kosten aus Engelhelms holen lassen. Obwohl laut Kirchenrechnung von 1678 ein Brunnen außerhalb des Florenbergterrains gegraben wurde, war das Problem keineswegs gelöst, denn 1695 kam von Pfarrer Zwenger die Klage, dass die größte aller Schwierigkei-ten auf dem Florenberg der Mangel an Wasser sei, das nur von weither herangeschafft werden könne. Hieraus ist ersichtlich, dass der 17 Jahre vorher angelegte Brunnen dem Bedarf  nicht  gerecht wurde. Auch der Flurbrunnen, das sogenannte „Flurbörnchen“ unterhalb des Berges am Fußweg zu den Fellen, als einer der ältesten Brunnen in der Gemarkung Pilgerzell und in einer Niederschrift von 1702 bereits genannt, konnte die Misere in der Wasserversorgung nicht beheben.

Erst 1891 wurde das Wasserproblem erneut in Angriff genommen und die Bohrung eines 58 m tiefen Brunnens auf dem Florenberg geplant. Die Kosten sollten zu je einem Drittel durch den Pfarrer, die Pfarrbaukasse und den Schulverband der beiden Gemeinden Edel-zell und Engelhelms, deren schulpflichtigen Kinder noch allein auf dem Florenberg unter-richtet wurden,  getragen werden. Da sich die beiden Gemeinden weigerten, sich über-haupt an dem Projekt zu beteiligen, machte der damalige Lehrer Damm am 23. Nov. 1891 hinsichtlich der Wassernot in der Schule eine Eingabe an das Landratsamt in Fulda und bezog sich dabei auf einen Ministererlass von 1865, wonach ein Brunnen im Schulgehöft vorhanden sein musste. Bereits drei Tage später wurden die beiden Gemeinden mit einer Frist bis zum 1. April 1892 aufgefordert, für die Herstellung eines Brunnens im Hof oder in unmittelbarer Nähe der Schule zu sorgen. Die Kosten dieses bereits mit einer Schwengel-pumpe versehenen Brunnens, der zwischen Pfarr- und Schulhaus lag, betrugen 2.100.- Mark.
Aber auch dieser Brunnen hatte das Problem nicht endgültig gelöst, denn die Pumpe war relativ störanfällig und ein Ausfall war vor allem im Winter durch Eis und Kälte (eingefro-ren) und im Sommer durch Blitzeinschlag gegeben. Wörtlich aus einer Niederschrift von Dr. Richard Damm (Sohn des Lehrers Damm): „Mehr als einmal sprang der Blitz vom Blitzableiter der Kirche hinüber zur Pumpe, die ja zum Grundwasser reichte, und dann war das Gestänge zusammen geschmolzen. Wir sind oftmals bei einem Blitzeinschlag in unse-rer nächsten Nähe trotz des Gewitters zur Pumpe gerannt, um festzustellen, ob sie ver-schmort war. Unser kleines Schulhaus im Schutz von Kirche mit Turm und Blitzableiter hat nie ein Blitz abbekommen.“

Beim Ausfall der Pumpe durch höhere Gewalt musste das Wasser wie in vielen Jahren zuvor vom Flurbrunnen geholt werden; der Transport des Wasserfässchens erfolgte mit einem Esel über den Stufenweg zwischen den Pfarrgärten zu den Abnehmern. Dadurch entstand die bis heute erhaltene Wortschöpfung „Eselsgässe“,jetzt durch eine vom Rhönklub angebrachte Holztafel vornehm bezeichnet als Eselspfad.
Nach 25 Jahren wurde die genannte Wasserversorgungsanlage jedoch defekt,  und infolge des Krieges war keine neue Pumpe erhältlich. Deshalb beschloss der Kirchenvorstand 1916  mittels einer Windturbine Wasser vom dem in der Gemarkung Pilgerzell liegenden Flurbörnchen auf den Berg zu leiten. Für die neue Wasserversorgungsanlage wurde hinter der Kirche auf dem alten Friedhof und somit höchsten Punkt des Berges ein Bassin errichtet; der Graben für die Wasserleitung den Berg hinauf wurde von russischen Kriegsgefangenen ausgehoben. Die Gefangenen waren auch bei der Aushebung der Abzweigleitung für den neben dem Edelzeller Kirchweg errichteten Zweikammer-Hochbehälter („Wasserbassin“) für die Trinkwasserversorgung der Gemeinden Engel-helms und Edelzell im Einsatz.
Die Windturbine der Marke Vulkan-Dresden, einem Hochspannungsmast ähnlich mit ei-nem metallenen Windrad,  wurde 1918 geliefert und aufgestellt. Dass eine solche Liefe-rung im letzten Kriegsjahr kurz vor dem Zusammenbruch noch möglich wurde, war schon verwunderlich und von dem Kirchenvorstand kaum erwartet. Die Windturbine als markan-te Winkeleisenkonstruktion  in der freien Landschaft  übte für die Kinder der damit aufge-wachsenen Generationen eine ungeahnte Anziehungskraft aus. Es gab kaum einen Jungen den es nicht gereizt hat, an der Turbine hochzuklettern und zumindest den mit einem Ge-länder gesicherten Umgang unter dem Windrad zu erreichen. Kein Vergnügen dagegen war die Wartung bzw. Abschmierung des Windrades die zu den Aufgaben  des Küsters gehörte.

Das Windrad befand sich ca. 4 m über dem Umlauf und es gehörte schon eine gewisse körperliche Gewandtheit dazu, die letzten Meter frei am Gestänge zum Ölbehälter über dem Windrad zu gelangen.
Als letzter amtlicher „Schmiermaxe“ und gleichzeitig in die Geschichte eingegangen als „ Letzter Küster auf dem Florenberg“ war der heute 80-jährige Josef Vogt für die Betreuung und Wartung bis zum Abbruch der denkmalwürdigen Wasserversorgungsanlage im Jahr 1969  verantwortlich. Bereits als 14-jähriger Bub war er als Helfer seines Vaters Karl Vogt, vom dem er die Küsterei auf dem Florenberg später selbst übernommen hatte, auf der Windturbine tätig und mit der Technik bestens vertraut.
Die Förderung durch die Windturbine reichte aber wegen des steigenden Wasserbedarfs durch die Abnehmer auf dem Florenberg und der naturgemäß schwankenden Leistung nicht mehr aus, um das Bassin hinter der Kirche zu befüllen. Man entschloss sich deshalb 1954 auf Initiative des seit Juli 1953 als Pfarrer vom Florenberg im Amt befindlichen Paul Wehner  zu einer „Anzapfung“ der 1915 in Betrieb genommenen kommunalen Trinkwasserversorgungsanlage des Kreiswasserwerkes A.  Von dem Quellgebiet bei Unterdessen wurde u. a. die Hochbehälter für die Gemeinden Edelzell und Engelhelms gespeist. Die Leitung führt im Nahbereich der Windturbine vorbei, so dass eine elektrische Pumpanlage installiert werden konnte; das Starkstromkabel wurde vom Florenberg hinab zur Pumpe verlegt.  Diese Anlage war so gestaltet, dass der Küster von der Sakristei in der Kirche aus  bei Bedarf die Pumpe einschalten konnte, um das Bassin zu befüllen; eine ständige Kontrolle des Wasserstands im Bassin durch Josef Vogt, der ab Installierung für die Anlage Verantwortung hatte, war deshalb erforderlich; aber mit der Zeit war es ihm schon zur Routine geworden und er wusste, wann er die Pumpe einschalten musste.

Tiefgreifende Veränderungen in der Organisation der Pfarrei Florenberg durch Pfarrer Wehner u. a. mit der Verlegung des Pfarrsitzes an die 1965 fertiggestellte Dreifaltigkeits-kirche in Pilgerzell griffen auch auf die Wasserversorgung über. Durch die Umwandlung  des Kreiswasserwerkes in den Zweckverband „Gruppenwasserwerk Florenberg“  zu dieser Zeit ergab sich die Möglichkeit, den Florenberg ganz der kommunalen Wasserversorgung anzuschließen. Windturbine und Pumpanlage wurden zum auslaufenden Modell und schließlich überflüssig. Die denkmalwürdige Windturbine war für Pfarrer Wehner offenbar auch im Hinblick auf die weitere Unterhaltung ein störender Faktor in der Landschaft und er ließ sie von dem Allround-Schlosser Otto Bohl aus Pilgerzell und seinen Helfern quasi in einer Nacht- und Nebelaktion abbauen; vermutlich hatte Wehner noch nicht einmal die Zustimmung des Kirchenvorstandes. Man sagt Pfarrer Wehner auch nach, dass er vieles etwas selbstherrlich in eigener Regie erledigte und die Gremien dann vor vollendete Tatsachen stellte. Bezeichnet hierfür ist, dass vom erfolgten Abbruch der Windturbine selbst der Küster Vogt - wie er gegenüber dem Verfasser erklärte- keinerlei Kenntnis hatte und an einen schlechten Traum oder eine Fata Morgana glaubte, als er eines Morgens vom Küsterhaus in Richtung Fellen blickte und die Windturbine aus seinem Blickfeld verschwunden war. Auch über die Demontage der Windturbine mit möglicherweise gemachten Fotoaufnahmen vor dem Abbruch sind  keine Unterlagen in dem Pfarrarchiv Pilgerzell vorhanden, wie eine erst kürzliche erfolgte Sichtung mit Pfarrer Klein ergab; ein auch für viele Zeitzeugen, die  in diese Recherchen eingebunden sind,  nicht entschuldbares Versäumnis durch Pfarrer Wehner. Die denkmalwürdige Kon-struktion, die fast 50 Jahre den Florenberg mit Trinkwasser versorgte, ist „im Nichts“ ver-schwunden. Heute befinden sich am Standort der Turbine eine Ruhezone mit Schwengelpumpe und  ein Denkmalstein Flurbrunnen 1702 sowie ein versetzter Bildstock. Lediglich eine Zeichnung von Josef Diegelmann in der Pilgerzeller Chronik gibt optisches Zeugnis für die Nachwelt; ein Relikt unserer alten Windturbine findet sich überdies  noch an dem Areal der Kirche in Pilgerzell.  Hier ließ Pfarrer Wehner durch  Schlosser Bohl aus den Abbruchbeständen (sechser Winkeleisen) eine Umfriedung errichten und hat somit für Zeitzeugen zumindest die Erinnerung wachgehalten.
Im Rahmen der Übernahme der Wasserversorgung durch das Gruppenwasserwerk Floren-berg erfolgte auch die Stilllegung der alten Hochbehälter für die Gemeinden Pilgerzell u. Edelzell/Engelhelms, deren ausreichende Versorgung nicht mehr gewährleistet war; in Edelzell z. B. herrschte  Anfang der 60er Jahre ständig Wassernot und  Bürgermeister Werner Schneider musste drei Hilfszisternen zur Wasserspeicherung errichten lassen. Die-ses Dilemma wurde durch die Wasserversorgung des Gruppenwasserwerkes Florenberg behoben. Von dem 1.700 cbm fassenden Hochbehälter „Am Herzberg“ (Grundversorgung für den Gesamtbereich des Gruppenwasserwerkes) führt die Wasserleitung  jetzt über den Florenberg nach Edelzell u. Engelhelms. Der vom Herzberg ausgehende Wasserdruck ist so hoch, dass zur Reduzierung auf 2 bis 2 ½ bar ein Druckminderventil für die Versor-gungsleitungen Edelzell/Engelhelms installiert werden musste. Nach Angaben des zustän-digen Wassermeisters Stephan Hahn, der zusammen mit dem Netzmonteuer Norbert Gerhard  die Verantwortung für das Gruppenwasserwerk Florenberg und damit für die Abgabe des wichtigsten Lebensmittel  überhaupt trägt, wurden zur Sicherstellung einer ausreichenden und qualitativ sicheren Trinkwasserversorgung gemäß der deutschen Trinkwasserverordnung (TrinkwV) in der Vergangenheit 5 Tiefbrunnen gebohrt, wovon zwei auf Pilgerzeller Gebiet liegen. Die geförderte Wassermenge von 150 cbm/Stunde wird in dem genannten Hochbehälter aufbereitet und gespeichert. Mängel in der Wasserversor-gung für den Florenberg und die angeschlossenen Gemeinden gibt es dank der voraus-schauenden quantitativen Planung heute nicht mehr.  

Quellenangabe:

Die Geschichte der Pfarrei Florenberg von  Josef Leinweber
Dorfchronik von Pilgerzell
Jugenderinnerungen  von Dr. Richard Damm  (nicht veröffentlicht)
Angaben des Wassermeisters der Gemeinde Künzell Stephan Hahn u. des letzten  Küsters vom Florenberg Josef Vogt

Bilderbeschreibungen:

  • Ansicht des Florenbergs  aus der Sicht vom Dicken Turm, hier verlief die Wasserleitung von der Windturbine aus
  • Zeichnung der Windturbine von Josef Diegelmann anstelle eine verwertbaren Fotos
  • Eselsgässchen als Versorgungsweg
  • Ehemaliger Standort der Windturbine
  • Denkmalstein vom alten Flurbrunnen
  • Hochbehälter am Herzberg – Gruppenwasserwerk Florenberg
  • Netzmonteur Norbert Gerhard bei der Arbeit im Wasserwerk

 

 

 
 

Vom einstigen 
fürstäbtlichen Lehensgut zum heutigen Lehrhof Jehn

Aus der Geschichte des Dorfes Edelzell –
ein Stück Heimatkunde
von Reinhold Nüchter -

Der Einstieg in die Geschichte meines Heimatdorfes Edelzell, das 1790 lediglich neun Haushaltungen mit 79 Einwohnern aufwies und heute zum bevölkerungsreichsten Stadtteil von Fulda zählt, ist für mich als Einheimischer, dessen Kindheit und Jugendzeit durch die Kriegs- und Nachkriegsjahre  geprägt sind, gleichzeitig auch ein Stück Heimatkunde.

Für die Schüler der Volksschule Edelzell war Heimatkunde übrigens noch Pflichtfach und die Lehrer Burschel und Ehrlich, die in den Nachkriegsjahren in Edelzell unterrichteten, legten großen Wert darauf, ihre Schüler mit dem Geschichtsbild ihres Dorfes vertraut zu machen. Bezeichnend hierfür ist die Niederschrift einer 10-jährigen Schülerin aus dem Jahr 1952 in ihr Heimatkundeheft, die in dem nachfolgenden Originalauszug das ungefilterte Geschichtsbild ihres Dorfes aus der Sicht  eines Schulkindes in Orientierung an die aktuellen Hofnamen wiedergibt. Deshalb möchte ich auch vor dem Verwerten von historischen Daten diesen kleinen Aufsatz voranstellen: 

„Aus der Geschichte des Dorfes Edelzell – Der Name Zell sagt uns, dass ein Mönch hier das Land rodete und sich als Wohnung eine Zelle baute. Das gerodete Land wurde verteilt. Jeder, der es in Besitz nahm und bestellte musste den Zehnten geben. Der Stammhof Jehn soll um das Jahr 1600 ein  fürstäbtlicher Gutshof gewesen sein. Vielleicht ein halbes Jahrhundert später kamen 5 Lehnsgüter dazu. Es waren die Höfe: Karges, Birkenbach, Mihm,Hügel und Vogel. In den späteren Jahren wurden von dem Gutshof Jehn die Güter Ernst Jehn (Bohl)und Josef Jehn (Kirchner) abgetrennt. Der 1. Besitzer des Kargeshofes hieß Paul, deswegen heißt das Haus heute noch Pauls. Um das Jahr 1840 wurde der Hof von Müller durch Bernhard Karges erbaut. Deshalb haben die Müllers heute noch den Hausnamen Bennerz. Die Tochter des Bernhard Karges heiratete einen Müller aus Heimbach. Ein Karges erbaute auch noch auf  Diegelmanns Grundstück ein kleines Haus. In dieses heiratete später ein Diegelmann ein, der aus Hügels stammte. Der Birkenbachhof wurde von Philipp Birkenbach erbaut. Die beiden Söhne Josef und Magnus teilten den Hof. Magnus Birkenbach behielt den elterlich Hof (Vörder) sein Bruder Josef bekam den (Hinter). Vom Bauernhof  Vogel (Scheppe) ist nichts bekannt.“ 

Der Historie nach –Frühgeschichte der -zell-Orte von Winfried Böhne– dürfte Edelzell wohl um 900 schon bestanden haben, während die erste urkundliche Erwähnung erst  mit 1325 ohne nähere Angaben zur Bevölkerung datiert  ist. Die Viehbedeliste der Fürstabtei Fulda von 1510  für Edelzell weist sieben Viehhalter aus, die für ihren Tierbestand eine Steuer (Bede) zu entrichten hatten.
Auch in dem Türkensteuerregister der Fürstabtei von 1605 – fast ein Jahrhundert später – sind noch sieben dienstbare Höfe verzeichnet. Bei der Türkensteuer im fuldischen Bereich handelte es sich um eine Vermögenssteuer, die in erster Linie den Grund- und Hausbesitz sowie Barvermögen erfasste. Bei diesen Höfen – darunter auch der spätere Stammhof Jehn – handelte es sich um Lehns-Erbzins-Güter, die den Bauern erblich überlassen waren, das nutzbare Eigentum dagegen gehörte dem jeweiligen Inhaber des Hofes (Gutes), der es durch einen von Amts wegen ausgestellten Erbbrief erworben hatte. Der Bauer musste außer Abgaben an Naturalien und Geld an die Fürstabtei auch andere Dienstleistungen wie z. B. Fahr- und Spanndienste leisten.   
Edelzell war nach dem Türkensteuerregister eines der kleinsten der 54 zur Zent Fulda gehörenden Dörfer, weist aber unter dem Namen Krämer 1605 einen der größten Steuerzahler aus und lässt den Schluss auf recht erheblichen Grundbesitz zu.  Dies ist auch die Schnittstelle vom fürstäbtlichen Gut zu dem heute von dem 45-jährigen Landwirt Norbert Jehn in der sechsten Generation als Eigentum unter dem Namen  Jehn – frühere Schreibweise Jähn – bewirtschafteten Lehrhof.  Ein im Wohnzimmer der Witwe Gertrud Jehn aufbewahrter  auf  Ziegenleder geschriebener und hinter Glas konservierter Erbbrief, ausgestellt von dem Abt des Stiftes Fulda Balthasar von Dermbach (noch auf die Namen der Vorbesitzer Krämer u. Botten)  stellt die Verbindung zu dem Stammhof Jehn dar.
Es handelte sich um ein erbliches Lehen, d. h. der Hof geht automatisch auf die Erben über und gab den Besitzern – und später auch ihren Nachkommen – Rechtssicherheit.

In einer von dem Fuldaer Historiker Michael H. Gellings erfolgten Umschriftung ins heutige Deutsch sind auch die Vorbesitzer, von denen auch eine Schäferei betrieben wurde, bis 1510 zurückzuverfolgen (Nachweis Viehbedeliste).
Ein weiterer beachtlicher Grundbesitz ist aus den Fuldischen Saalbüchern – auch Lagerbücher genannt – von 1708 ersichtlich. Sie waren für das ganze Hochstift nach einheitlichen Gesichtspunkten  aufgestellt und enthielten Güterbeschreibung sämtlicher lehnbarer Güter mit den darauf lastenden Steuern und Abgaben. Für Edelzell waren gegenüber der Türkensteuerliste nur noch sechs lehnbare Höfe ausgewiesen; vermutlich ging einer der Höfe in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges zugrunde. Das Vorgängergut des heutigen Jehnhofes wies beachtlichen Grundbesitz von 600 Morgen  aus und Flurbezeichnungen wie z. B. Heydtrain, Kaisers Wiesen oder Heydt Eller weisen in abgewandelter Schreibweise auf noch heute gültige Flurbezeichnungen hin.

Am Beginn des 19. Jahrhunderts nach Beendigung der geistlichen Herrschaft nach der Säkularisierung 1802  und der Bauernbefreiung im Hochstift durch Napoleon (Madrider Edikt 1808) änderten sich die Besitzverhältnisse im Ort. Als Fulda, das kurzfristig zum Großherzogtum Frankfurt gehörte, zu Kurhessen kam,  konnten die Bauern die vorher bewirtschafteten Ländereien als Eigentum erwerben und hatten auch die Möglichkeit, dass die Grundstücke eines Gutes frei gehandelt, verkauft oder vertauscht  werden konnten. Hier begann auch die Ära der Jehn-Bauern, deren Bestand durch männliche Erbfolge fast über zwei Jahrhunderte bis heute erhalten blieb.

Als Augustin Jähn (so die damalige Schreibweise) 1833 eine Margarete aus dem Hof Birkenbach heiratete, gehörte zum Grundbesitz u. a. die gesamte Fläche des heutigen Neubaugebietes zwischen Hohenlohe- und Keltenstraße sowie die Weideflächen der Kaiserwiesen.

Zur 1. Hofteilung kam es unter seinen Söhnen Philipp und Magnus. Während Philipp Hoferbe wurde, erfolgte eine  Abtrennung zugunsten von Magnus und 1889 die Errichtung des Oberjehne-Hofes; die 90-jährige Enkelin von Magnus Klara Kirchner (genannt Jähne Klara) lebt heute noch auf dem nicht mehr bewirtschafteten Anwesen und war Informantin für mich. Eine nach Kohlhaus einen Kramm heiratende Schwester von Philipp und Magnus  bekam als „Mitgift“ ein Stück von den Kaiserwiesen. 
Zur 2. Hofteilung  kam es unter den Nachkommen von Philipp um die Jahrhundertwende. Der Sohn Magnus behielt den Stammhof und für seinen Bruder Karl wurde der Unterjehne-Hof errichtet mit schon beachtlicher Grundstücksfläche;  Karl Jehn war als Bürgermeister für den 1926 erfolgten Schulbau in Edelzell verantwortlich und hat überdies mit Josef Jehn (Vater von Jähne-Klara) 1936 die Edelzeller Feuerwehr gegründet. Weitere Begünstigte bei der Hofteilung waren Primus Jehn und die ledig gebliebene Maria Jehn (genannt Jähne Marie). Der Hoferbe des Unterjehne-Hofes Ernst Jehn ist im Krieg gefallen und seine Witwe heiratete einen Bohl, so dass man bei den jüngeren Dörflern in den Nachkriegsjahren auch vom “Bohlehof“ sprach.

Bei Magnus Jehn handelt es sich um den Urgroßvater des heutigen Hofbesitzers Norbert Jehn, der den Hof vor 17 Jahren von seiner Mutter Gertrud übernommen hat; der Vater Oskar war bereits 1990 verstorben, so dass der junge Landwirt früh Verantwortung übernehmen musste. Als Landwirtschaftsmeister mit Fachabitur und dem Status eines Agrartechnikers hat er den Hof zu einem modernen Lehrbetrieb  ausgebaut und bereits elf Landwirte ausgebildet. Mit einem festangestellten Landwirt bewirtschaftet er inkl. eines Hofes in der Gemarkung Traisbach 180 ha und einen Milchviehbetrieb mit 120 Kühen plus Nachzucht;  in dem Milchbetrieb ist ein Melkroboter mit Sensortechnik eingesetzt, der zur erheblichen Arbeitsentlastung und zu mehr Flexibilität in den Arbeitsabläufen führt.  Die Hof- und Gebäudefläche im Zentrum des heute 2.400 Einwohner zählenden Stadtteils Edelzell wurde durch den Zukauf des angrenzenden „Bennerzhofes“ auf zwei Hektar erweitert; außerdem erfolgte Zukauf des Birkenbachhofes. Diese Expansion dürfte wohl auch durch den Verkauf von Flächen der Kaiserwiesen, auf denen am 1. März 2004 das Einkaufszentrum mit gleichem Namen errichtet wurde, erleichtert worden sein. Norbert Jehn ist überdies für die CDU in der Stadtverordnetenversammlung und gehört dort dem Umweltausschuss an.

Resümee: 
Mit Norbert Jehn dürfte sich der Kreis vom fürstäbtlichen Lehensgut zum Lehrhof Jehn geschlossen haben.

Neben dem Lehrhof Jehn ist von den früheren Bauernhöfen in Edelzell nur noch der überregional bekannte Milchhof Hügel bewirtschaftet. 
Klaus Hügel betreibt mit 70 ha Wirtschaftsfläche einen mit modernster Technik ausgestatteter Milchviehbetrieb – z. zt. 140 Milchkühe plus Nachzucht – mit Selbstvermarktung. In dem Hof können auch übers Internet Betriebsführungen angemeldet werden, bei denen die Interessenten einen umfassenden Einblick in die betrieblichen Produktions-abläufe erhalten. Das Bemerkenswerte bei dem Vergleich der beiden landwirtschaftlichen Höfe ist, dass es sich bei den Müttern der beiden rührigen und auf moderne und fortschrittliche Betriebs-führung ausgerichteten Landwirten um Schwestern handelt.

Dokumentiert im April 2012 von Reinhold Nüchter
Gewidmet meinem 1990 verstorbenen Schulkollegen Oskar Jehn    

Quellenangabe:

Agrargeschichte des Fuldaer Landes von Aloys Jestädt
Türkensteuerregister von Dr. Thomas Heiler
Viehbedeliste von Johannes Hennesen
Zur Frühgeschichte der –zell- Orte von Winfried Böhne
Alte Ortschaften des Fuldaer Landes von Konrad Lübeck
Erbbrief von 1605
Angaben zum Stammbaum Jehn von Klara Kirchner, geb. Jehn                                                                                        

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