Das wurde über den 3. Gitarrenfrühling 2016 geschrieben:

 

Foto © Christoph Stibor

 

Eine Gitarre hat sechs Saiten, meistens. Manche aber auch sieben und gestatten damit dem Musiker etwas mehr Freiheiten bei der Gestaltung von Begleitfiguren zum solistischen Spiel. Dies machte sich Ahmed El-Salamouny zu Nutze, der immer wieder zwischen seinen beiden Instrumenten wechselte, um in einer ansprechenden Mischung aus Eigenkompositionen, Bearbeitungen und Originalstücken am Freitag Abend den 3. Fuldaer Gitarrenfrühling zu eröffnen. „Roadtrip“ hatte er seine Auswahl überschrieben und erzeugte Assoziationen an seine zweite Heimat, das brasilianische Salvador, an die dortigen Sandstrände, tiefstehende Wolken und Bambuswälder, aber auch an Folklore, Carneval und natürlich die Liebe.

Dass er sich schon früh auf brasilianische Musik spezialisiert hat, war in allen Stücken durchhörbar, all die kleinen rhythmischen Finessen, die typische Harmonik und die immer mit geschmackvollen Dissonanzen angereicherte Melodik fügten sich zu einem runden Ganzen zusammen. Er brachte den Zuhörern auch traditionelle Gattungen wie den Choro näher und huldigte natürlich den großen brasilianischen Komponisten Antonio Carlos Jobim und Baden Powell. Nicht alle Stücke des Abends waren ursprünglich für den Konzertsaal gedacht, was schon die Gefahr einer gewissen Seichtheit birgt. El-Salamouny verstand es in seinen Kompositionen und Arrangements jedoch, durch subtile Tonartwechsel, kadenzartige Zwischenepisoden, gutes Formgefühl und ausgesprochen virtuoses Spiel immer wieder Überraschungen zu bringen und damit die Spannung zu halten, um dem Publikum einen vielseitigen und unterhaltsamen Einstieg in das Fuldaer Gitarrenfestival zu geben. Entlassen wurde er erst nach zwei Zugaben. Sein Workshop an der Musikschule war bestens besucht, so dass er sein reiches Wissen an viele Interessierte weitergeben konnte.

 

Foto © Christoph Stibor

 

Der Fuldaer Gitarrenfrühling trauert um einen seiner großen Solisten. Roland Dyens ist am 29. Oktober 2016 im Alter von 61 Jahren verstorben.

 

Roland Dyens (†) ist – das darf man ohne Übertreibung sagen – eine lebende Legende der Gitarrenkunst. Mit listigem Blick wählte er sein Repertoire erst im Angesicht der Zuhörer aus und begann mit einer beeindruckenden Improvisation. Sofort hatte er auch die zahlreichen Kenner auf seiner Seite und man ahnte bereits, woher er seinen fabelhaften Ruf hat. Mit „The Wiz“ folgte eine filigrane, misteriös anmutende Eigenkomposition von Dyens, die durch Klangschönheit und geschmeidig mäandernde Rubati bestach. Die rhythmischen Überlagerungen von „Angels Waltz“ rücken ihn sehr in die Nähe eines Jazz Waltz, wesentlich schneller und rhythmisch raffinierter ist als sein Wiener Urahn. Das Stück flog leicht und charmant wie nebenbei durch viele Tonarten und brachte eine schöne Facette in das Programm. Nun folgten Bearbeitungen von Tschaikowsky- und Chopinminiaturen, die völlig vergessen machten, dass sie eigentlich dem Klavier zugedacht waren. Die zeittypischen Akkordstrukturen kommen der Gitarre zwar überhaupt nicht entgegen, für Dyens war es offensichtlich ein Leichtes, diese zu übertragen. Er brachte sein Instrument zum Singen und musizierte ungemein organisch. Gänsehaut stellte sich bei der Habanera „Alba Nera“ ein, welche die zarte Stimmung einer Morgendämmerung einzufangen wusste. Entziehen konnte man sich seinem Spiel schon jetzt nicht mehr. Barrios und Tarrega galt sein nächstes Werk, wo er mit Witz und einer Prise Ironie stiltypische Merkmale der beiden Komponisten zu einer gelungenen Melange zusammenbrachte, angereichert mit wunderschönen Flageoletts und Tapping-Techniken, die man eigentlich von der E-Gitarre kennt. Seine Musik ist überbordend vor Ideen, geistreichen Wendungen und so atemberaubend virtuos, dass man sich schon fragt, was ihn eigentlich noch herausfordern könnte. Nach der Pause spielte Roland Dyens „Le Calme“ von Fernando Sor, lupenrein klassisch interpretiert in einer Interpretation von betörender Schönheit. Anschließend wandte sich der Meister mit „Nuages“ dem Jazz zu und stellte auf sechs Saiten Thema, eine gegenläufige Nebenstimme, durchlaufende Rhythmusakkorde und den Bass dar, wobei jede der Ebenen ein lückenlos durchgestaltetes Eigenleben aufwies, was spieltechnisch und mental nur ganz wenigen Gitarristen gelingt.

Das setzte sich bei den nun zu hörenden drei Piazzolla-Arrangements fort, wobei sich Dyens immer noch zu steigern vermochte, da er nun auch noch perkussive Elemente einbaute, so dass man tatsächlich Piazzollas leibhaftiges Quartett mit all den kleinen und großen Brechungen und Widerborstigkeiten, die diese Musik so faszinierend machen, vor Augen hatte.

Mit Carinhoso von Pixinguinha erzählt der Gitarrist von der fragilen, intimen Schönheit eines Blümchens, so dass im Anschluss das afrikanisch inspirierte Berimbau von Baden Powell seine volle klangliche und rhythmische Wucht entfalten konnte. Wann hat eine Gitarre jemals nach Kalimba oder Steeldrum geklungen? Dyens schaffte das perfekt mit genau dosierten Obertönen und speziellen Saitenstimmungen und Spieltechniken. Ihm gelang es total überzeugend, authentische afrikanische Rhythmen einzuflechten. Mit einem derart fulminanten Abschluss zog der Künstler noch einmal alle Register seiner Kunst und erweiterte sie obendrein. Nachdem nun wirklich keine Steigerung mehr möglich war, war Saties erste Gnossienne das passende Stück, um den grandiosen Abend ganz fein und sensibel zu beenden.

 

 

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Mit Werner Neumann und seinem Trio „No Kissing“ wurde zum ersten Mal ein E-Gitarrist zum Gitarrenfrühling eingeladen, begleitet von Alma Neumann am Kontrabass und  Max Stadtfeld an den Drums. Natürlich waren die Einflüsse von John Scofield, Pat Metheny oder Mike Stern wie bei so vielen Jazzgitarristen hörbar. Aber Neumann ist anders. Er macht auf souveräne Art und Weise sein eigenes Ding daraus, weil er handwerklich über den Dingen steht und seine Sounds niemals als Effekt, sondern immer als Ausdruck der musikalischen Idee begreift. Seine Stücke überzeugen durch dynamische und harmonische Farbigkeit, die so unterschwellig und homogen ausfällt, dass man schon ganz genau hinhören muss, um die Frische seiner Ideen zu begreifen. Anleihen aus Tango, Klassik oder Country sind gekonnt zitiert und überhöht, ohne je in plattes Kopieren zu verfallen. Er ist in seinen Stücken stets prägnant und überzeugt mit seinen oft thematisch angelegten Soli. Pointiert, virtuos, rhythmisch präzise und melodisch mit allen Wassern gewaschen ist es ein Genuss, ihm zuzuhören. Mit der wunderbaren Alma Neumann am Bass hat er eine Spielpartnerin, die ihm bei akkordlosen linearen Passagen durch geschickt gestaltete Lines den harmonischen Unterbau liefert und alle Raffinessen der Stücke souverän mitträgt. Auch sie ist eine ausgesprochen reife Solistin. Komplettiert wurde die Band von Max Stadtfeld, der genau wusste, wann er begleiten, wann er Führungsaufgaben übernehmen und wann er Solist sein musste. Dies ging so nahtlos ineinander über, dass sich das Trio niemals in seine Bestandteile zerlegen ließ und auch die Besucher, die sich sonst nicht in Jazzclubs sehen lassen, in seinen Bann ziehen konnte.

 

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Eine rührende Geste war es von Neumann, George Wagner, den Dozenten des ersten Jazzkurses, den er als Jugendlicher besucht hat, bei „Coming Home“ auf die Bühne zu bitten. Der Fuldaer Profi und Musikschullehrer fand sich sofort in die Band ein und lieferte ein herrliches Solo auf der Halbakustischen ab.

Beim letzten Stück „So that“ durfte es im Fürstensaal dann auch mal richtig laut werden, als Neumann nach dem eher beschaulichen Thema den Verzerrer auspackte und die Bühne rockte. Es war eine gelungene stilistische Brechung, das Jazz- und Fusiontrio in dem barocken Ambiente zu platzieren. Jede Art von Kunst hat eben ihre Zeit.

 

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